Bürger Suweidas beklagen Abwesenheit des Staates: Das Erstarken tribaler Strukturen (Syria Direct)

Eine Straßenszene in Suweida, Juli 2017. Quelle: Syria Direct/Noura al-Basha.

27. September 2017 – Syria Direct berichtet aus der vom Assad-Regime kontrollierten Provinz Suweida (in Südsyrien), in der die Bevölkerung verstärkt auf tribale Strukturen setzt. Hauptsächlich ist das Erstarken traditioneller Strukturen auf die Abwesenheit des Staates zurückzuführen, die zu hoher Kriminalität und Gesetzlosigkeit geführt hat. Oppositionelle Medien und lokale Quellen berichten vielfach über Entführungen, Raub und weitere Straftaten. Das Assad-Regime versage den Bürgern Sicherheit und Ordnung, beklagen mehrere von Syria Direct interviewte Personen aus Suweida.

„The regime is in control of Suwayda [Suweida], but it is entirely absent when it comes to dealing with crime,” says 55-year-old Sheikh Abu Hilal Yusuf a-Sharani, a religious leader from Suwayda’s Druze community […]. Religious and social leaders have “lost faith in the government,” says a-Sharani. […] “Without effective governance, it’s only natural that we’re seeing the resurgence of tribalism,” a-Sharani tells Syria Direct. “There is no other choice for us if government institutions are unable to carry out their duties.”

Die Provinz Suweida liegt zwischen Damaskus und Jordanien im Süden Syriens und wird größtenteils vom Assad-Regime kontrolliert. Die 375.000 Einwohner Suweidas entstammen mehrheitlich der Gemeinschaft der Drusen, einer religiösen Minderheit in Syrien. Suweida ist das angestammte Gebiet der Drusen in Syrien.

Die Lücke, die der Staat in Suweida entstehen ließ, wird nun durch traditionelle tribale Strukturen gefüllt. Führende Persönlichkeiten angestammter Familien und lokale Sheikhs bilden traditionelle Gerichte, die bei Straftaten und Familiendisputen eingreifen sowie Eheschließungen durchführen. Sie bilden die Alternative zur staatlichen Gewalt, die entweder abwesend ist – oder vor der sich die Bürger fürchten müssen, wie im Falle der vielen jungen Männer, die dem Wehrdienst entgehen wollen und aus Angst vor Verhaftung keine staatlichen Stellen aufsuchen können. Letztere wenden sich v.a. bei Eheschließungen an die traditionelle Gerichtsbarkeit, um in der konservativen Gesellschaft Suweidas eine Familie gründen zu können.

Die traditionelle Gerichtsbarkeit ist in Syrien seit Jahrhunderten verankert und orientiert sich an religiösen und sozialen Normen. In Suweida seien die traditionellen Gerichte v.a. für Dispute zwischen Familien zuständig, um gewaltsame Eskalationen zu verhindern. Nach sechs Jahren des Konfilkts seien auch in Suweida die Spannungen zwischen Stämmen und Gemeinschaften gestiegen.

In den letzten Wochen ist es in Suweida zu mehreren Gewalttaten gekommen. Im August wurde ein 17-jähriges Mädchen, Catherine Mazhar, von Mitgliedern einer rivalisierenden Familie entführt und ermordet. Kurz darauf erschien ein Video, das drei Männer als Schuldige der Tat identifizierte. Anfang September wurden ihre Leichen in der Stadt gefunden, versehen mit einer Warnung der Familie Mazhar, ähnliche Taten zu unterlassen. Die Familie hatte Selbstjustiz walten lassen.

Infolge dieser Eskalation haben Sheihks und lokale Autoritäten zwischen den Familien vermittelt, um weitere Eskalationen zu verhindern. Bisweilen wohl erfolgreich.

Im Fall der jungen Männer, die aus Angst vor Verfolgung traditionelle Kanäle der Eheschließung bemühen, bleiben jedoch Hürden: Während Ehen am Staat vorbei geschlossen werden können, sind Geburten beim Staat zu registrieren. In diesem Fall führt also kein Weg am Staat vorbei.

“The future of tribal rulings depends on whether or not the government continues to be absent when it comes to performing its duties,” , local sheikh a-Sharani told Syria Direct. “There is no other choice for us in Suwayda except to use tribal laws if government institutions are unable to carry out their responsibilities.”

Dieser Beitrag erschien am 27. September 2017 auf der Website von Syria Direct und ist Teil einer Reportagereihe über den Süden Syriens, die Syria Direct zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung durchführt.