Die „Selbstmord-Industrie“ des IS (AOAV)

05. Oktober 2017 – Die Organisation Action on Armed Violence (AOAV) analysiert, wie der IS Selbstmordattentate militärisch einsetzt. Laut Analyse der AOAV ähneln die Selbstmordattentate des IS gegenwärtig eher dem Kamikaze der japanischen Piloten als dem „klassischen“ Verständnis jihadistischer Organisationen. Die Operationen des IS unterscheiden sich damit deutlich von den Taktiken jihadistischer Gruppen der 2000er Jahre.

Die Autoren untersuchten IS-Selbstmordattentate zwischen Dezember 2015 und November 2016. Zur Analyse wurden das Propaganda-Organ des IS, Amaq, sowie lokale IS-Medien herangezogen, die im fraglichen Zeitraum von 923 Selbstmordattentaten berichteten. Nur ein Viertel der Attentate ereignete sich in Syrien, die Mehrheit jedoch im Irak.

Was auffällig ist: Der IS aktiviert besonders dann Selbstmordattentäter, wenn er militärisch unter Druck geraten ist. Dies ließ sich stark im März 2016, aber auch anschließend im Fall von Mossul beobachten. Zudem sei festzustellen, dass der IS Selbstmordattentate aufgebe, wenn ein Kampf als aussichtslos angesehen wird. Im Umkehrschluss werden in strategisch wichtigen Gebieten beständig Selbstmordattentate ausgeführt, z.B. in der syrischen Provinz Aleppo.

Hinter den Attentaten des IS stehe eine klare Taktik, betont AOAV. Insgesamt verfolgten die Selbstmordattentate eine defensive Strategie. Mitunter gehe es dem IS zusätzlich um die Zermürbung der Gegner. Die Mehrheit der Selbstmordattentate richtete sich gegen militärische Ziele. Sogenannte weiche Ziele – also Zivilisten – werden vorrangig mit Sprengstoffgürteln angegriffen.

Interessant ist die Herkunft der Täter: Entgegen gängiger Annahmen werden die Selbstmordattentate mehrheitlich von lokalen Kräften verübt. Lediglich ein Fünftel der Attentate gehe auf das Konto ausländischer Kämpfer, von denen Kämpfer aus Tajikistan am häufigsten Selbstmordattentate verübten. Gulmurad Khalimov, ein tajikischer Jihadist, soll derzeit beim IS das militärische Kommando innehaben – ein Fakt, der die hohe Anzahl tajikischer Attentäter begründen könnte.

Die Analyse der AOAV ergibt drei Schlüsse:

  1. Der IS hat den Einsatz von Selbstmordattentaten in hohem Maße operationalisiert. In den vergangenen fünf Jahren hat der IS soviele Selbstmordattentate ausgeführt wie alle anderen terroristischen Organisationen zusammengenommen.
  2. Hinter den Attentaten des IS steht hochgradige Planung. Der IS verwendet Selbstmordattentate, um seine militärische Unterlegenheit auszugleichen.
  3. Die Taktik des IS, Selbstmordattentate einzusetzen, ist nicht mit früheren jihadistischen Gruppen vergleichbar. Analysten und Politiker laufen daher Gefahr, falsche Strategien im Kampf gegen den IS zu verfolgen, wenn sie sich auf althergebrachte Annahmen verlassen.

Dieser Beitrag von Charlie Winter und Joe Whittaker erschien am 04. Oktober 2017 für Action on Armed Violence (AOAV).