Fakten zum Konflikt in Syrien

Ost-Ghouta

Von der Kornkammer zur Todeszone

Stand: Februar 2018

Fläche: 370 km² (zum Vergleich: Berlin 900 km², Hamburg 750 km²)

Einwohner: 1.2 Millionen (bis 2011); aktuell ca. 378.000 Menschen, davon ¼ Binnenvertriebene (2018)

Entfernung nach Damaskus: <5 Kilometer

Belagert seit: November 2013

Die militärische Situation um Ost-Ghouta.

Die Ghouta ist die Bewässerungsoase jeweils westlich und östlich der syrischen Hauptstadt Damaskus. Seit jeher von Landwirtschaft und Handwerk geprägt, diente sie traditionell als Kornkammer der Region. Neben angestammten Damaszenern zog es seit den 1980ern Syrer aus allen Landesteilen in die Region. Dennoch ist die Ost-Ghouta eine gewachsene historische Region, in der Muslime, Christen und Juden ihre Spuren hinterlassen haben.

Seit März 2011 bildet die Ost-Ghouta eine Hochburg des zivilen Widerstands gegen die Dik­tatur von Bashar al-Assad, wofür ihnen das Regime Kollektivbestrafungen auferlegt hat: 2012 wurden sämtliche öffentlichen Dienste eingestellt. Mehr als 20 Lokale Räte halten seitdem das öffentliche Leben – Versorgung und Verwaltung – bestmöglich aufrecht. Sie werden vor Ort durch Generalversammlungen bzw. in freien, direkten Wahlen bestimmt. Mittlerweile ist Ost-Ghouta Sitz des oppositionellen Provinzrates von Damaskus-Umland.

Zudem ist die Zivilgesellschaft erblüht. Bis zu 70 Organisationen sind heute in Ost-Ghouta aktiv. Sie betreiben Schulen und Kindergärten, Zentren für Frauen, Hilfsvereine, Trainingszentren, Bibliotheken, Medienzentren, Menschenrechtsorganisationen, Kliniken etc. Dafür werden sie seit Jahren vom Assad-Regime und Russland unter Beschuss genommen.

Militärische Situation

Der IS spielt in Ost-Ghouta keine Rolle. Die Region wird v.a. von den Verbänden des Jaysh al-Islam (Duma Stadt) und der Faylaq al-Rahman (Jobar-Zamalka-Erbin) kontrolliert. Sie sind in interne Kämpfe verstrickt, gehen jedoch auch repressiv gegen zivilgesellschaftliche Kräfte vor. Alle militärischen Verbände in Ost-Ghouta sind lokale Kräfte. Von ca. 10.000 Rebellen können knapp 240 Kämpfer der Hay’a Tahrir al-Sham (der Nusra Front zugehörig) und damit dem Völkerrecht nach als Terroristen bezeichnet werden.

Auf Seiten des Regimes befinden sich etwa 70% ausländische Söldner: Assad bedient sich v.a. ausländischer Mi­lizen unter iranischer Kontrolle (s. Abb. 1). Russland und der Iran sind direkte Komplizen in Assads Vernichtungskrieg gegen Ost-Ghouta. Im September 2017 wurde Ost-Ghouta zur De­eskalationszone (Astana-Abkommen) erklärt. Assad hat den Krieg gegen Ost-Ghouta jedoch nochmals intensiviert. Der Februar 2018 gleicht einem Blutbad: mehr als 600 Tote und 2.600 Verletzte.

Kriegsverbrechen in Ost-Ghouta

Die Verbrechen des Assad-Regimes gegen Ost-Ghouta sind hinreichend belegt.

Chemiewaffen: Am 21. August 2013 griff das Regime Ghouta mit dem chemischen Giftgas Sarin an, mehr als 1.300 Menschen starben. Seitdem wurde wiederholt Chlorgas eingesetzt.

Belagerung: 52 Monate der Belagerung – die längste der jüngeren Geschichte – durch Assad. Die Einfuhr von Nahrungsmitteln und Medikamenten ist untersagt, UN-Hilfskonvois werden von Assad weitgehend blockiert. Bis Februar 2017 konnten noch einige Waren durch Tunnel geschmuggelt werden. Seit das Regime die Tunnel verschlossen hat, ist Ost-Ghouta komplett abgeriegelt. Besonders Kleinkinder lei­den unter Mangelernährung. Die Preise für Nahrungsmittel sind explodiert.

Bombardement aus der Luft und durch Artillerie zielt auf Schulen, Kliniken und Märkte. Es hat die Zivilgesellschaft im Februar 2018 an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Ost-Ghouta stirbt vor den Augen der Weltöffentlichkeit.

Medizinische Versorgung: Das Regime nimmt gezielt die medizinische Versorgung unter Be­schuss. Verwundete und Kranke können kaum noch behandelt werden. Doppelschläge zielen auf Ersthelfer und medizinisches Personal.

Quellen

Ärzte ohne Gren­zen Syrien: 13 Gesundheitseinrichtungen innerhalb von drei Tagen [in Ost-Ghouta] angegriffen. (21.02.2018).
bellingcat For the third time this year, chlorine is used as a chemical weapon in Douma, Damascus. (01.02.2018).
PAX & The Syria Institute Siege Watch (I-VIII). (2016-17).
Syrian American Medical Society Under Siege: The Plight of East Ghouta. (2017).
OCHA Factsheet – East Ghouta. (2017).
Amnesty Inter­national Syria: Banned Soviet-made cluster munitions fuel humanitarian catastrophe in Eastern Ghouta. (2017).
Amnesty International “Left to Die under Siege”: War Crimes and Human Rights abuses in Eastern Ghouta, Syria. (2015).
www.ghouta.com: Ausführliche Hintergrundinformationen zur Ost-Ghouta.

Das Factsheet können Sie hier zum Ausdrucken und Verteilen herunterladen.


Der Konflikt in Zahlen (Stand März 2017)

  • Mehr als 500.000 Menschen wurden Schätzungen zufolge seit Beginn des Konfliktes getötet, darunter mehr als 22.000 Kinder und ca. 20.000 Frauen (SNHR)
  • Fast 6 Mio. Syrer sind in andere Länder geflüchtet; weitere 8,7 Mio. sind Binnenvertriebene innerhalb Syriens (UNCHR)
  • Mehr als 11.000 syrische Fachärzte wurden getötet oder haben Syrien verlassen

Angriffe auf Zivilisten

  • Der Anteil von zivilen Opfern liegt aktuell bei 77,9% (VDC)
  • Pro Monat werden ca. 99 zivile Einrichtungen angegriffen, unter anderem Krankenhäuser und Schulen; 2016 wurden insgesamt 1192 zivile Einrichtungen zerstört (SNHR)
  • Luftangriffe sind die größte Todesursache in Syrien, 2016 waren sie für 54% aller getöteten Zivilisten verantwortlich (SCSR)
  • Luftschläge töteten 2016 mehr als 9350 Zivilisten; etwa 780 monatlich (VDC)

Einsatz illegaler Waffen

  • Konfliktparteien setzen regelmäßig illegale Waffen wie Brand- und Splittermunition, Fass- und Aerosolbomben in zivilen Gebieten ein
  • Mindestens dreimal wurden verbotene Chemiewaffen in großem Maß eingesetzt (August 2013 und März/April 2015), wie die Vereinten Nationen berichten
  • Die Eroberung des Ostteils der Stadt Aleppo im Dezember 2016 erfolgte maßgeblich durch den Einsatz von Brand- und Streubomben sowie chemischen Kampfstoffen (The Atlantic Council)

Belagerungen

  • Fast eine Million Menschen werden derzeit laut den Vereinten Nationen in 13 Gebieten belagert; andere Quellen sprechen von 54 Orten (Siege Watch)
  • Mindestens 778 Menschen starben 2016 in belagerten Gebieten durch mangelnde Nahrung oder Medikamente (SNHR)

Massenhinrichtungen

  • Im Gefängnis von Saydnaya allein wurden von 2011-2015 ca. 13.000 Menschen erhängt (mehrheitlich Angehörige der zivilen Opposition), nachdem die meisten von ihnen wiederholt gefoltert sowie Hunger und Durst ausgesetzt wurden (Amnesty International)
  • Landesweit existieren 5 Gefängnisse vergleichbarer Größe; hinzukommen mehrere Dutzend Haftanstalten in ganz Syrien

Quellen:

UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA);
Syrian Network for Human Rights (SNHR);
Center for Documentation of Violations in Syria (VDC);
Syrian Center for Statistics and Research (SCSR);
Physicians for Human Rights (P4HR);
Office of the High Commissioner for Human Rights (OHCHR);
Organization for the Prohibition of Chemical Weapons (OPCW)