Syrische Aktivistin zerlegt linke Narrative zu Syrien (Al-Jazeera)

Syrische und russische Soldaten bewachen einen Checkpoint zwischen Damaskus und Ost-Ghouta. Omnipräsent: Putin und Assad. Quelle: Omar Sanadiki/Reuters.

05. März 2018 – Die syrische Aktivistin Loubna Mrie setzt sich für das englische Al-Jazeera mit zwei linken Mythen über Syrien auseinander. Sie bekräftigt, dass es sich bei dem Konflikt in Syrien seit 2011 um eine revolutionäre Bewegung handele. Dass sie von ausländischen Mächten korrumpiert wurde, stehe außer Frage, berechtige jedoch nicht den Massenmord an der syrischen Bevölkerung. Viele westliche und auch arabische Linke kauften dem Assad-Regime weiterhin ab, dass es – z.B. in Ghouta – ausschließlich gegen Al-Qaida kämpfe. Daher seien aus verklärter linker Perspektive die vielen zivilen Opfer entschuldbar.

Dass Menschen, die sich aus linker Grundhaltung weltweit gegen Ausbeutung und Menschenrechtsverbrechen engagieren, gerade beim syrischen Konflikt die Perspektive verlieren, entsetzt Mrie. Zudem sei es unbegreiflich, wie viele Linke zwar gegen US-Kriegspropaganda wetterten, aber nicht in der Lage seien, die russische Propaganda zu durchschauen.

Loubna Mrie ist unter dem Führerkult von Hafez und später Bashar al-Assad aufgewachsen. Sie schloss sich 2011 wie so viele Syrer aus allen Bevölkerungsgruppen den Protesten gegen das Assad-Regime an. Sie betont, wie bescheiden und gerechtfertigt die Forderungen der Protestbewegung waren:

We dreamt of political and socioeconomic change, fair elections, and a state that respects us and our rights. And no one can tell us, especially no one from the „free world“, that our revolt was not justified. […]

So no, this is not a regime change imposed by the West. This is an uprising against an illegitimate dictator. We had and still have every reason to demand change. 

We couldn’t care less where the US stood on our struggle. Regime change when it’s demanded by people, who suffered under authoritarianism, is legitimate. That various powers, like the US and its allies in the Gulf and Turkey, have gotten involved in the conflict (and in fact, militarised it) does not delegitimise our struggle. And we expect international leftist movements to support us, not ignore or mock us.

Weiterhin verwehrt sich Mrie gegen das Narrativ mancher Linker, dass das Regime in Ghouta lediglich Jihadisten bekämpfe, die die Zivilbevölkerung als Geisel genommen hätten. Dass sich Menschen im Laufe des Konfliktes radikalisiert hätten, sei traurige Realität. Dennoch könne man bei weitem nicht behaupten, die Opposition gegen Assad bestünde nur aus Terroristen. Vielmehr könne man nicht behaupten, dass Ghouta nur von Terroristen bevölkert sei. Die Zivilgesellschaft in Ghouta habe sich seit Jahren auch gegen bewaffnete Verbände wie Jaysh al-Islam engagiert.

Mrie verschweigt nicht die Vergehen der Rebellen. Jedoch könnten diese nicht als Rechtfertigung dienen, die Verbrechen des Assad-Regimes und seiner Verbündeten Russland und Iran zu entschuldigen oder reinzuwaschen:

You cannot condemn the crimes of one side without condemning the crimes of the other and still think you are a proponent of justice.

Dieser Beitrag der Aktivistin Loubna Mrie, die 2014 aus Syrien fliehen musste, erschien am 04. März 2018 auf der Website der englischsprachigen Al-Jazeera.